Winnyzja (Vinnitza) in der Ukraine,
Kilometer 1820.
(zum
Vergrößern draufklicken)
Nicht nur ich,
sondern auch ukrainische Kinder sitzen weich auf dem Sattel von
Der Abschied von zuhause war nicht leicht. Da flossen auf beiden
Seiten Tränen und die Motivation loszufahren, die ich in der
Vorbereitungszeit aufgebaut hatte, war ziemlich schwach geworden.
Aber jetzt sind bereits die ersten 1800 Kilometer zurückgelegt und
die Reisefreude ist in der Ukraine auf den Höchststand gewachsen.
Das Grafing Number One ist wirklich eine Eins. Es fährt trotz
der unglaublichen Belastungen, denen es auf den ukrainischen Strassen
ausgesetzt ist, immer noch einwandfrei, ohne eine Panne, nicht einmal
einen Platten.
Die drei Tage bis nach Wien waren schon die erste Härteprüfung. Der
Wind blies unbarmherzig aus der Richtung, in die ich fahren wollte,
sodass ich große Mühen hatte, die 48kg Fahrrad und meine 64kg die Donau
runter zu bewegen.
In Wien wohnte ich bei einem Medizinstudenten, einem ehemaligen
Waldorfschüler, der mich wieder aufpäppelte und mich während des
Ruhetags durch die Straßen, an den Palästen vorbei und über den wohl
schönsten Markt in Deutschland und Österreich, den Naschmarkt, führte.
Mich zog es aber schon bald weiter in den Osten. So brach ich gleich
wieder auf und reiste noch am selben Tag in die Slowakei ein.
Nach dem schönen Pressburg (Bratislava) kam ich in dessen Vororte und
aufs Land, wo der Unterschied deutlich zu spüren und zu sehen war.
Der Asphalt wurde schlechter, die Häuser wirkten heruntergekommen und
die Fahrzeuge waren nicht mehr das, was man auf unseren Straßen sieht.
In Ungarn verbesserten sich die Straßenverhältnisse nur wenig,
trotzdem war ich insgesamt sehr positiv überrascht. Das Land war schön
und die Leute sehr nett.
Alles Schlechte, was ich vor der Reise über Ungarn gehört hatte,
wurde widerlegt. Das Warenangebot in den Geschäften steht dem in
Deutschland in nichts nach und auch wenn Arm und Reich dort sehr nah
beieinander leben, kann ich nur von guten Erlebnissen berichten.
Als ich meine Kamera an eine Ampel aus der Lenkertasche zog, um ein
Foto zu machen, fiel mir mein Geldbeutel heraus (dummer, noch nie
vorgekommener und nie wieder vorkommender Fehler!). Ich bemerkte das
allerdings erst, als die Autos hinter mir anfingen zu hupen und ein
Passant mir auf die Schulter tippte und mir das verlorene Stück in die
Hand drückte.
Auch in dem ärmsten Teil von Ungarn, im Osten, waren alle Menschen
sehr nett und hilfsbereit.
Um in die Ukraine einreisen zu können, benötigte ich das erste Mal
wirklich meinen Reisepaß. Zu dieser Grenzkontrolle ging ich auch mit
einem etwas angespannten Gefühl, da meine paar Wörter ungarisch, die ich
in den letzten Tagen gelernt hatte, sicher nicht ausreichen würden, um
mich verständlich zu machen und ich noch keine Silbe russisch oder
ukrainisch konnte. Nachdem ich mich aber an eine endlosen Schlange Autos
vorbeigemogelt hatte, wurde mir ein Zettel in die Hand gedrückt, den ich
auszufüllen hatte (Gott sei Dank auch in englisch), bekam einen Stempel
in den Paß gedrückt und konnte weiterreisen.
Die ersten paar Meter konnte ich es noch gar nicht fassen, dass ich
in der Ukraine war. Wie high rollte ich zur nächsten Stadt, in der ich
wie vom Blitz getroffen wieder auf den Boden kam. Die Welt hatte sich
total verändert. In den Straßen, sofern noch Asphalt vorhanden war,
klaffende Schlaglöcher, die Bevölkerung noch ärmer gekleidet und neben
den schon aus Ungarn gewohnten Pferde- und Rinderkutschen nur noch
Fahrzeuge, wie ich sie nur aus Filmen der 40er Jahre kannte.
Ich fuhr ganz langsam, sog die vielen neuen Eindrücke in mich auf und
versuchte, mich an die neuen Umstände anzupassen.
Am Abend fragte ich bei einem Haus, ob ich im Garten mein Zelt
aufschlagen könne (auf ukrainisch und mit Händen und Füssen). Wie ich es
schon von früheren Fahrradtouren gewohnt war, suchte ich mir ein Haus
mit Kindern aus.
Das war auch in diesem Fall genau richtig.
Die kleine Christina und ich kamen schnell ins Gespräch, obwohl sie
erst 9 Jahre alt war und kein englisch konnte. Als das die Mutter sah,
lud sie mich in das Haus ein und bewirtete mich mit Tee, Brot und
selbstgemachtem Schafskäse. Das war eine willkommene Abwechslung zu dem
faden Schokoriegelalltag, wie ich ihn die letzten Tage geführt hatte.
Das Frühstück, das ich am nächsten Morgen bekam, gab mir zusätzlich
noch einmal Kraft und Motivation, die anstrengende Etappe über die
Karpaten zu nehmen.
Diese Etappe stellte sich als gar nicht so schwierig heraus, aber das
Hügelland danach von Kalush bis Vinnitza war sehr ermüdend.
Glücklicherweise hatte ich jeden Tag wunderschöne Ereignisse, die
meine mentale Kraft ständig wachsen ließen. Immer, wenn ich irgendwo
nach dem Weg fragte oder in einem der vielen kleinen Läden einkaufte,
wurde ich mit einer unglaublichen Begeisterung auf einen Kaffee
eingeladen und fuhr selten ohne einem zusätzlichen Brot oder einer Wurst
weiter.
Meinem Hintern geht es Dank der neuen Sattelkonstruktion von Comfort
Line ausgezeichnet. Das könnte die erste Fahrradtour werden, bei der ich
kein Handtuch auf den Sattel legen muss, um meinen Popo zu schützen.
Definitiv hat mit der Einreise in die Ukraine meine Reise erst
richtig begonnen.