Zaporizhzhia, Ukraine
Tag 28, Kilometer 2522, Fahrzeit 130 Stunden
Die fünf
Fahrradtage von Vinnyzia nach Dolynska und Krivoj Rog waren eine echte
Prüfung. Der Wind blies mit einer solchen
Konstanz und Stärke, dass mein Tagesgesamtschnitt
auf unter 15 km/h fiel. Dazu kamen endlos lange
Kopfsteinpflaster- und Schaglochpisten, die durch sich bis zum Horizont
hinziehende Felder führten. Kleine Dörfer,
Baumreihen und ab und zu ein See waren die einzige Abwechslung in diesem
Meer von Korn und Kartoffeln.
An die ukrainische Art zu leben gewöhnte
ich mich ziemlich schnell. Mit der Verständigung
klappt es inzwischen auch ganz gut. Mit einigen Wörtern
Russisch und vielen Gesten erreiche ich immer, was ich ausdrücken
will. Ich kann inzwischen die kyrillischen Schriftzeichen ohne
stundenlang im Lexikon nachzublättern lesen und
aussprechen.
Nur einmal kam
es zu einem Problem, das aber eher auf kultureller als auf sprachlicher
Ebene basierte: Nachdem ich eine Bäuerin nach
Wasser gefragt und dieses auch bekommen hatte
erklärte ich, woher ich
komme und was ich vorhabe, so wie ich es schon vielen erzählte.
Daß die Menschen daraufhin sehr verwundert
schauten, war ich bereits gewöhnt.
Aber bei dieser Bäuerin war es etwas anders. Ich
merkte auch bald, was anders war, als auf ihren Befehl der Hofhund
bellend und mit den Zähnen fletschend aus dem Hof
gerannt kam und ich die Beine, oder besser die Pedale in die Hand nehmen
musste, um das Weite zu suchen.
Ich konnte unversehrt entkommen,
wunderte mich aber schon sehr. Sie hatte mich wohl für
einen verrückten Landstreicher gehalten, der nur
Unruhe stiften will.
Ich war ziemlich erleichtert, als
ich in Dolynska, einer Kleinstadt 70 Kilometer vor Krivoj Rog, ankam.
Dort hatte ich eine Anlaufstelle und freute mich schon darauf,
endlich mal wieder zu duschen. Also sagte ich
Bescheid, daß ich
angekommen war und setzte mich zur Leninstatue auf dem Hauptplatz, die
wir als Treffpunkt vereinbart hatten. Nach kurzer Zeit kamen drei Frauen
und ein Mann, die mir auf russisch und gebrochenem englisch Fragen ueber
mich und meine Reise stellten. Dann schob man mich samt Fahrrad zum
örtlichen Radiosender, es wurde ein Dolmetscher,
eine Englischlehrerin von einer der Schulen, herbeigeholt und es folgte
ein 50 Minuten-Interview vor laufendem Mikrofon.
(PRAWDA-Bericht1 und
Bericht2). Dann endlich, nachdem ich noch in einer Schule einigen Schülern
Rede und Antwort stehen mußte, kam ich zu der
Schwester eines Patienten der Mutter meiner Freundin. Ich war ein bißchen
durcheinander. So viel Trubel um mich hatte ich nicht erwartet. Aber
nach einer wunderbaren Dusche, frischer Kleidung und einem Teller der
ukrainischen Nationalsuppe Borschtsch, war ich wieder klar im Kopf.
Am nächsten
Tag hieß es Stadtrundgang. Meine
Begleitung waren die Jounalistin, die mich schon bei meiner Ankunft
befragt hatte, eine Deutschlehrerin als Übersetzer
und die Tochter aus der Familie, bei der ich wohnte. Sie wurde deswegen
extra von der Schule befreit, um mir ihre Stadt
zu zeigen.
Wir besichtigten alle öffentlichen
Einrichtungen wie Feuerwehr, Krankenhaus bis hin
zu den verschiedenen Schulen. In den Schulen erzählte
ich von meiner Reise und von Deutschland. Das Gespräch
wurde meist mit einer Foto- und Autogrammstunde beendet.
Der Abschied war wieder nicht
leicht, doch mich zog es weiter.
Die nächste
Etappe war Krivoj Rog, wo mich die Deutschlehrerin der Waldorfschule
erwartete. Die folgenden Tage gefielen mir so gut, dass ich dort ganze
vier Nächte verbrachte. In der Waldorfschule fühlte
ich mich in meine Waldorfschulzeit zurückversetzt.
Es war vollkommen egal, dass ich mich mehr als 2.300
Fahrradkilometer östlich von Zuhause befand. Die
Atmosphäre war die gleiche, wie ich sie kannte,
trotz der unterschiedlichen Kulturen.
Ich gestaltete tatkräftig
den Unterricht mit, indem ich von meiner Reise erzählte,
mit den Schülern über
Deutschland redete und deutsche Lieder auf der Gitarre spielte.
Doch auch diesen Ort mußte
ich wieder verlassen und meine Reise fortsetzen.
So schön es
in Krivoj Rog auch war, so deprimierend war der Tag, an dem ich
weiterradelte. Ich war zwar an die stechende Sonne der
letzten zwei Wochen gewöhnt, in denen sich
die Luft auf weit ueber 30 °C aufheizte,
doch an diesem Tag war es besonders heiß und
zusammen mit dem immer noch gnadenlos aus dem Osten blasenden
Wind musste ich mich so anstrengen um ein paar Kilometer
hinter mich zu bringen, dass ich am Abend halb tot und mit einem
leichten Hitzschlag ins Zelt fiel und sofort einschlief.
Meine Reiseroute durch die Ukraine
hat sich aus verschiedenen Gründen ein wenig geändert.
Ich fahre jetzt weiter südlich mit einem
Abstecher ans Anzowsche Meer, dem nordöstlichen
Teil des Schwarzen Meeres, bevor ich bei Sverdlovsk nach Russland
einreise.