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comfort-line.de > Comfort Line auf Tour > 4. Bericht vom 19. Juni 2007 - Astrachan

4. Bericht vom 19. Juni 2007 - Astrachan

Video SANDFLIEGENPLAGE
Video GEDENKHALLE IN WOLGOGRAD

 
Denkmal in WOLGOGRAD zur Erinnerung an die Schlacht um das ehem. STALINGRAD. Rohrleitung bei WOLGOGRAD.
Die Region ASTRACHAN ist erreicht. Es sind aber noch 291 km!
Stillleben im Wolgatal. Mein Fahrradreifen!
ASTRACHAN am Kaspischen Meer. Zu Gast im Bavaria-Scharaffenland in ASTRACHAN.
Interview mit Radio Astrachan. Zu Gast im Deutschkurs des Deutschen Kulturhauses in ASTRACHAN.

Tag 48, Kilometer 4052, 20 Meter unter dem Meeresspiegel


Fast ein Drittel der Strecke von München nach Peking habe ich schon geschafft und dabei jeden Meter mit dem Fahrrad zurück gelegt mit einer Menge Gegenwind.

Vor drei Tagen bin ich  endlich in Astrachan, der letzten Stadt Europas, angekommen. Die Landschaft neben der  450km langen Straße von Wolgograd bis hierher war extrem. Auf der linken Seite lag der 50km breite Streifen des Wolgabiotops mit Sümpfen, Seen, Flüssen und Wäldern, in denen sich Tausende von verschiedenen Tierarten tummelten und auf der anderen Seite: Steppe bis zum Horizont. Also eigentlich sehr schön, doch es kam etwas Unvorhergesehenes dazu: Mücken!!!

Das war ätzend und eine echte Tortur. Etwa 30km südlich von Wolgograd hielt ich an, um ein Foto zu machen und bekam nicht einmal die Kamera aus der Tasche, denn ein Schwarm kleiner Sandfliegen fiel über mich her, versuchte in meine Ohren, in die Nase, den Mund und die Augen zu kriechen, und wo es möglich war, bissen mich die Biester gnadenlos. Mir blieb nur noch die Flucht nach vorne.

Dieses Szenario wiederholte sich von da ab überall, wo ich anhielt. Ich konnte mich nur vor diesen Plagegeistern retten, indem ich schneller als 20km/h radelte oder Gegenwind hatte. Bei Rückenwind –Ich hatte wirklich einen Tag Rückenwind, was ich nicht mehr gedacht hätte, da fuhr ich auch gleich mal 200km - konnten sie mir in meinem Windschatten folgen und sich an meinem Rücken vergnügen, auf Kosten meines Wohlbefindens! Ich durfte keine Pause mehr machen, denn nach spätestens 20 Sekunden waren die Mücken so übermächtig, dass ich es nicht mehr aushielt. Also blieb nur eine Möglichkeit: Cafes. Ich eilte von einem Café zum anderen. Glücklicherweise kamen im Abstand von 20-40km immer kleine Dörfer, in denen es ein Magazin oder ein Café gab, denn man konnte sich wirklich nur in geschlossenen Räumen aufhalten.

Die Einheimischen hatten auch mit diesem Problem zu kämpfen. Meistens waren die Straßen leer, wenn aber jemand aus dem schützenden Haus musste, dann nur mit Netz über dem Kopf, was aber nur wenig nützte, wie ich feststellte, als ich meines aus der Fahrradtasche kramte. Auch das Vanillepulver, das mir ein Mann während eines der unzähligen Cafeaufenthalte schenkte, half nicht sehr viel.  Ich ernährte mich nur noch von Keksen, denn dem getrockneten Fisch mit Bier, den es in den Cafes immer gibt, konnte ich nicht sehr viel abgewinnen. Und das Kochen am Abend fiel auch flach, denn in der Zeit, die ich benötigte das Zelt aufzustellen, waren die Fliegen schon unter meine Windjacke, in die Hose und das Moskitonetz auf meinem Kopf gekrochen, so dass ich nur noch in meine Unterkunft flüchten konnte. Dort war ich die nächste halbe Stunde damit beschäftigt, alles, was sich in meiner Nähe bewegte erbarmungslos zu töten. Ich kannte keine Gnade und gab erst Ruhe, wenn vor mir ein Haufen lebloser Sandfliegenleichen lag, der mich nicht mehr quälen konnte.

Ich war nach den drei Tagen, die ich für diese Strecke benötigte, mit den Nerven und körperlich total am Ende. Später erfuhr ich, dass es diese Fliegen nur drei Wochen im Juni gibt, mir entfuhr nur noch ein: `grrrrr`.

Auf der Strecke gab es  sehr wenig Verkehr und auch sonst war nicht viel los. Für die Bedienungen in den Bars war ich dann immer eine wilkommene Abwechslung von der langweiligen Warterei auf Kunden.

Auch die Polizei bei den Polizeikontrollposten an der Strasse, die es im Abstand von ca. 80km gab, langweilte sich scheinbar extrem und hielt mich dann immer an, um mich als einen exotischen Touristen ein wenig auszufragen und die verschiedenen Visa in meinem Pass zu bestaunen.

 

In Astrachan setzte ich mich zum ersten Mal seit Wolgograd auf eine Bank im Schatten Es hatte schon die letzten Tage 40Grad, und ich genoss es, in Ruhe Brotzeit machen zu können.

Wieder klar im Kopf zog ich die Liste aller Hotels aus der Tasche und versuchte die Orte auf dem Stadtplan zu finden. Da sprach mich wieder einmal jemand an. Ich erklärte ihm auf russisch  - ja, mein russisch wird immer besser! Mein russisch ist inzwischen so gut, dass ich mich überall fast ohne Probleme verständigen kann. In dem Monat Ukraine und Russland habe ich besser russisch gelernt, als französisch in 5 Jahren Schule. -  Was ich vorhätte, und ob er mir helfen könne, die Hotels auf der Karte zu zeigen. Anstatt mir bei der Suche zu helfen, bot er mir an, bei ihm im `Office` zu wohnen. Ich wollte eigentlich in ein Hotel, um richtig auszuschlafen und mich von den letzten Tagen erholen zu können, ging aber trotzdem aus Neugierde mit.

Als ich aber dann das `Office` sah, wurden meine Augen vor Staunen groß und mein Mund stand wahrscheinlich sehr weit offen. In einem Keller erwartete mich ein kleines Paradies: Sauna, Bassin, eine riesengroße Dusche, ein eigenes Zimmer mit Bett und eine dazugehörende Bar gleich nebenan. Mir gingen alle möglichen Gedanken durch den Kopf, als ich das sah. Was war hier los? Was geschah mit mir? Doch die Aufklärung folgte schnell. Mir wurde auf russisch erklärt: Vor eineinhalb Jahren lebte Emanuel Aries, ein französischer Fahrradfahrer, der mit dem Fahrrad von Paris nach Indien unterwegs gewesen war, einen Monat in diesem Saunaparadies von Valera und seiner Frau Valentina und öffnete so ihre Herzen für Fahrradglobetrotter.

Nach viel Keksen und Tee drückten sie mir den Schlüssel in die Hand und ließen mich ausruhen. Am Abend ging es dann in die Sauna - ein Traum! Nun kann ich mich immer in der Bar mit den netten Bedienungen unterhalten und bekomme sehr gutes Essen. Zahlen darf ich übrigens für das alles nichts.

 

Ich bin nun schon den vierten Tag in dieser Perle an der Wolga, die vor 450 Jahren als Handelszentrum am Rande der großen Steppe Kasachstans, zwischen dem fernen Orient und Europa gegründet wurde und heute, da es vom zweiten Weltkrieg weitgehend verschont blieb, mit ihrem Wahrzeichen, dem Kreml, vielen alten Häusern und der „Mutter“ Wolga ein liebreizendes Stadtbild abgibt. (100000 Einwohner)

Diese Stadt ist ein wahrer Schmelztiegel von Kulturen. 150 verschiedene  Nationalitäten leben hier Seite an Seite an der Grenze zwischen Asien und Europa.

Der Große Markt in der Nähe des Bahnhofs ist, wenn man es nicht gewohnt ist, das reinste Chaos. Winzige Gänge zwischen den Ständen, in denen sich große Menschenmassen drängen, keine Orientierungsmöglichkeiten. Wenn man hingegen im richtigen Viertel des Marktes anlangt, kann man für ein paar Rubel, bzw. für noch weniger Cent, die tollsten russischen Torten, frittierte Teigtaschen mit Kartoschka -und Kapuskafüllung (Kartoffel und Kohl) kaufen und die Siemitschki, die Sonnenblumenkerne, die man überall auf jeder Bank, an jeder Ecke ißt.

Wie sich immer ein Zufall an den anderen anfügt, so kam die Kunde meines Aufenthalts auch ans Radio. Prompt wurde ich auch gleich interviewt.

Es gibt hier auch ein „deutsch-russisches“ Haus. Dort lernte ich Valera (Valera ist ein sehr häufiger Name hier), ein russischer Deutschstudent, der acht Jahre in Berlin gelebt hat, kennen. Es tat sehr gut, mal wieder richtig deutsch zu sprechen, denn sonst kann ich mich nur meinem Tagebuch auf deutsch mitteilen.

 

 

Insgesamt bleibe ich in Wolgograd eine Woche und bereite mich auf die wohl schwierigste Etappe meiner Reise vor, die ich am 22.6. beginnen werde. 2700Kilometer durch die kasachische Steppe. Besiedlungsdichte unter einem Einwohner pro Quadratkilometer, Strassen, soweit asphaltiert in sehr schlechtem Zustand (wie ich hier im deutsch-russischen Haus erfahren habe, mit Schlaglöchern von mehr als einem Meter Tiefe) Dörfer extrem weit voneinander entfernt, Wasser sehr verunreinigt, Temperaturen von 50Grad Celsius voraussichtlich wieder gnadenloser Gegenwind.

Also beste Bedingungen, um neue Abenteuer zu erleben!

Bis dann Michael

 

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