2. Tour-Bericht vom 27. Mai - Ukraine

Zaporizhzhia, Ukraine

Tag 28, Kilometer 2522, Fahrzeit 130 Stunden

 

 

Die fünf Fahrradtage von Vinnyzia nach Dolynska und Krivoj Rog waren eine echte Prüfung. Der Wind blies mit einer solchen Konstanz und Stärke, dass mein Tagesgesamtschnitt auf unter 15 km/h fiel. Dazu kamen endlos lange Kopfsteinpflaster- und Schaglochpisten, die durch sich bis zum Horizont hinziehende Felder führten. Kleine Dörfer, Baumreihen und ab und zu ein See waren die einzige Abwechslung in diesem Meer von Korn und Kartoffeln.

 

An die ukrainische Art zu leben gewöhnte ich mich ziemlich schnell. Mit der Verständigung klappt es inzwischen auch ganz gut. Mit einigen Wörtern Russisch und vielen Gesten erreiche ich immer, was ich ausdrücken will. Ich kann inzwischen die kyrillischen Schriftzeichen ohne stundenlang im Lexikon nachzublättern lesen und aussprechen.

Nur einmal kam es zu einem Problem, das aber eher auf kultureller als auf sprachlicher Ebene basierte: Nachdem ich eine Bäuerin nach Wasser gefragt und dieses auch bekommen hatte erklärte ich, woher ich komme und was ich vorhabe, so wie ich es schon vielen erzählte. Daß die Menschen daraufhin sehr verwundert schauten, war ich bereits gewöhnt. Aber bei dieser Bäuerin war es etwas anders. Ich merkte auch bald, was anders war, als auf ihren Befehl der Hofhund bellend und mit den Zähnen fletschend aus dem Hof gerannt kam und ich die Beine, oder besser die Pedale in die Hand nehmen musste, um das Weite zu suchen.

Ich konnte unversehrt entkommen, wunderte mich aber schon sehr. Sie hatte mich wohl für einen verrückten Landstreicher gehalten, der nur Unruhe stiften will.

 

Ich war ziemlich erleichtert, als ich in Dolynska, einer Kleinstadt 70 Kilometer vor Krivoj Rog, ankam. Dort hatte ich eine Anlaufstelle und freute mich schon darauf, endlich mal wieder zu duschen. Also sagte ich Bescheid, daß ich angekommen war und setzte mich zur Leninstatue auf dem Hauptplatz, die wir als Treffpunkt vereinbart hatten. Nach kurzer Zeit kamen drei Frauen und ein Mann, die mir auf russisch und gebrochenem englisch Fragen ueber mich und meine Reise stellten. Dann schob man mich samt Fahrrad zum örtlichen Radiosender, es wurde ein Dolmetscher, eine Englischlehrerin von einer der Schulen, herbeigeholt und es folgte ein 50 Minuten-Interview vor laufendem Mikrofon. (PRAWDA-Bericht1 und Bericht2). Dann endlich, nachdem ich noch in einer Schule einigen Schülern Rede und Antwort stehen mußte, kam ich zu der Schwester eines Patienten der Mutter meiner Freundin. Ich war ein bißchen durcheinander. So viel Trubel um mich hatte ich nicht erwartet. Aber nach einer wunderbaren Dusche, frischer Kleidung und einem Teller der ukrainischen Nationalsuppe Borschtsch, war ich wieder klar im Kopf.

Am nächsten Tag hieß es Stadtrundgang. Meine Begleitung waren die Jounalistin, die mich schon bei meiner Ankunft befragt hatte, eine Deutschlehrerin als Übersetzer und die Tochter aus der Familie, bei der ich wohnte. Sie wurde deswegen extra von der Schule befreit, um mir ihre Stadt zu zeigen.

Wir besichtigten alle öffentlichen Einrichtungen wie Feuerwehr, Krankenhaus bis hin zu den verschiedenen Schulen. In den Schulen erzählte ich von meiner Reise und von Deutschland. Das Gespräch wurde meist mit einer Foto- und Autogrammstunde beendet.

Der Abschied war wieder nicht leicht, doch mich zog es weiter.

 

Die nächste Etappe war Krivoj Rog, wo mich die Deutschlehrerin der Waldorfschule erwartete. Die folgenden Tage gefielen mir so gut, dass ich dort ganze vier Nächte verbrachte. In der Waldorfschule fühlte ich mich in meine Waldorfschulzeit zurückversetzt. Es war vollkommen egal, dass ich mich mehr als 2.300 Fahrradkilometer östlich von Zuhause befand. Die Atmosphäre war die gleiche, wie ich sie kannte, trotz der unterschiedlichen Kulturen.

Ich gestaltete tatkräftig den Unterricht mit, indem ich von meiner Reise erzählte, mit den Schülern über Deutschland redete und deutsche Lieder auf der Gitarre spielte.

Doch auch diesen Ort mußte ich wieder verlassen und meine Reise fortsetzen.

 

So schön es in Krivoj Rog auch war, so deprimierend war der Tag, an dem ich weiterradelte. Ich war zwar an die stechende Sonne der letzten zwei Wochen gewöhnt, in denen sich die Luft auf weit ueber 30 °C aufheizte, doch an diesem Tag war es besonders heiß und zusammen mit dem immer noch gnadenlos aus dem Osten blasenden Wind musste ich mich so anstrengen um ein paar Kilometer hinter mich zu bringen, dass ich am Abend halb tot und mit einem leichten Hitzschlag ins Zelt fiel und sofort einschlief.

 

Meine Reiseroute durch die Ukraine hat sich aus verschiedenen Gründen ein wenig geändert. Ich fahre jetzt weiter südlich mit einem Abstecher ans Anzowsche Meer, dem nordöstlichen Teil des Schwarzen Meeres, bevor ich bei Sverdlovsk nach Russland einreise.

Comfort-Line - Die Sattelkompetenz