8. Tourbericht vom 7. September
Urumqi - Xinjang/China

Bilder vom 8. Tourbericht - 7. September 2007
Die Grenze nach China Chinesischer Tierkreis
Unterkunft der Bauarbeiter Bäcker am Weg
Uigurischer Hirte Hilfe beim Schieben
Yakherde Besuch uigurischer Frauen
Gebetsfahnen am Paß 3.300m Staub
Das Lieblingsspiel - Billard Auf 4.000m Höhe
Der Höhepunkt Meine Gebetsfahne
Parken in der Jurte Neugierige
Auch 4.000km westlich von Peking denkt man daran

Urumqi, Hauptstadt von Xinjang, China; Tag 107; Kilometer 8800

 

Hallo, Das Fahrrad habe ich recht gut verarztet, zwei neue Gepäckträger, hinten ein neuer Mantel. Letzteren kaufte ich in Almaty als deutsche Qualitätsware, stellte sich hier aber als billige Imitation heraus, weil er nicht richtig passte. Dies war wohl ein Grund, warum ich bis Urumqi noch einige Male nähen musste. Es war jedoch nicht der einzige....

Jedenfalls fuhr ich bei km 7867km, 399h 56Min Fahrtzeit und insgesamt nach 92 Tagen über die chinesische Grenze. Überglücklich und mit Tränen in den Augen legte ich diese Meter zurück – ein unvergesslicher Augenblick.

Aber ungetrübt war dieser Schritt nicht ganz. Ab hier konnte ich weder Schrift lesen noch Sprache verstehen und irrte fast ein wenig verloren herum. In Yining, der ersten größeren Stadt, lernte ich jedoch schnell Leute kennen, die mich unter ihre Fittiche nahmen. Hier gibt es Studenten, die englisch sprechen und eine Chinesin schrieb mir auch die wichtigsten Zeichen in Schrift und Aussprache auf. Wasser, Fleisch, Gemüse, essen, trinken usw. sind die wichtigsten Kürzel.

In Yining stellte ich das Fahrrad unter, bestieg einen Bus und fuhr nach Bole, eine Kleinstadt etwa 100km nördlich meiner Reiseroute. Dort wohnte nämlich die chinesische Studentin, die ich in Shymkent kennen gelernt hatte. Sie zeigte mir die Sehenswürdigkeiten von Bole, unter anderem eine Skulpturengruppe des chinesischen Tierkreises. Ich bin unter dem Zeichen des Tigers geboren.

Wieder in Yining zurück bekam ich von einer Studentin die letzten Unterweisungen in Chinesisch, und dann fuhr ich meine Extra-Route durch das Tien Shan Gebirge. Dort sollte es bis auf 4000m hinaufgehen.

Zunächst war das Tal so dicht besiedelt bzw bewirtschaftet, dass ich für mein Zeltchen kaum einen Platz fand. Dann ging es höher und höher. Die Straße war super geteert – bis die Baustelle kam. Die Lastwagenrillen im Schlamm waren bis zu einem halben Meter tief. Ab und zu steckte auch ein Truck fest. Ich konnte durch diesen Morast nur noch schieben. Das schöne Grafing Nr 1 bekam seinen Dreck ab, meine Taschen auch, und ich wusste, dass es noch Kilometer so weiterging. Irgendwo da oben sah ich die Kuppe des ersten Passes. Ab und zu konnte ich nebenan auf eine Piste ausweichen, dann ging es wieder flotter voran. Da kamen zwei Uigurenkinder und halfen mir schieben. Jedenfalls war ich froh als ich auf 3200m vor den Gebetsfahnen stand. Die Pässe sind scheinbar immer auch heilige Stätten, denn dort hingen Hunderte von Fahnen dicht auf dicht.

Ich stand am Eingang des Paradieses. Das anschließende Hochtal war unglaublich schön. Weite, unvorstellbare Stille - und meine ersten Yakherden. Über die grünen Flächen verteilten sich als kleine weiße Punkte die Jurten der Uiguren. An einem seichten Flusslauf schlug ich das Zelt auf, badete mich und genoss den Sonnenuntergang. Neugierig kamen zwei Frauen mit einem Kind, um mich und das Zelt zu begutachten. Hirten galoppierten auf ihren schnellen Pferden vorüber. Ich kam mir vor wie zur Zeit der großen Steppenvölker. Unbeschreiblich!

Der weitere Verlauf meiner Tour führte noch einmal hinauf auf 3300m, wieder an einem riesigen Gebetsfahnen Monument vorüber und dann hinunter nach Balguntay auf ca 1700m. Dort war die gesuchte Straßenkreuzung, die ich links Richtung Urumqi nehmen musste. Dort führte nämlich der einzige Pass nach Urumqi über das Tian Shan Gebirge hinüber, allerdings bis auf 4200m hinauf! Und dieser Streckenabschnitt übertraf alle Erwartungen. Zunächst ging es ja erst einmal mühsame 100 km dahin, an Jurten vorbei, an Landschaften, die wir von unseren Bergen nicht kennen. Es gibt keinen Baum, keinen Strauch nur unendliche grüne, karge Matten mit keiner Unterbrechung als den Schaf- und Yakherden, die immer wieder als bewegte Flecken auftauchen. Allerdings fahren hier auch Lastwagen, was mir immer schwer fällt zu glauben, denn mit der Teerpiste war es vorbei, nur noch Schotter. Ich musste mir einen Mundschutz aufsetzen, denn der aufgewirbelte Staub drang sofort in die Lunge und löste Hustenreize aus.

Wer das Stilfser Joch kennt, kann sich in etwa vorstellen, wie es dann da hinaufging - nur eben ungeteert. Am Fuße des großen Anstieges schlug ich noch einmal mein Zelt auf und schlief mit dem Ziel vor Augen ein. Vor Sonnenaufgang fuhr ich los, Höhenmeter um Höhenmeter und Kilometer um Kilometer. Die ersten Gletscher glitzerten auch schon zu mir herüber. Ich erkannte schon einen riesigen etwa 10m hohen Einschnitt in der Joch-Kante den die Straßenbauer dort in den Fels und Schotter geschlagen haben mussten. Das war der Pass, mein Ziel. Rechts ein Gletscher, links ein Gletscher von einem Gipfel steil herabhängend, und ich keuchte dort hinauf.

Um 10Uhr erreichte ich die Passhöhe Shengli Daban 4280m über NN. Diesen Augenblick kann man nicht beschreiben. Blauer Himmel, Morgensonne, um mich herum unzählige Gipfel, die meisten glitzerten mit einer Gletscherseite, dort hinten überragten die Fünftausender alles andere, unnahbar und doch so schön. Ich legte mein Fahrrad hin und stieg mit einer Metallstange bewaffnet, die ich neben der Straße gefunden hatte, etwa hundert Hm weiter hinauf über Schotter zu einem Gipfel, dem Tengger-Feng. Dort band ich ein nicht mehr ganz sauberes altes T-Shirt von mir an die Metallstange und grub die Stange in den Gipfelschutt ein. Jetzt wehte meine ganz persönliche Fahne hier heroben in China, auf dem Berg, dessen Namen mir zwar nichts sagte, mit dem ich mich jedoch auf dieser Tour umso mehr verbunden hatte.

Die Abfahrt war dann ein Kinderspiel mit überwältigenden Bergeindrücken. Am Fuß des Passes erwartete mich eine Versorgungsstation. Hier hielten auch alle Lastwagenfahrer und bekamen in der Jurte von einer sehr netten Uigurin Essen, ich natürlich auch. Auf den letzten hundert Kilometern bis Urumqi musste ich noch einmal den Mantel nähen, aber ich hatte einen netten chinesischen Fahrradfahrer getroffen, der mir von da an zur Seite stand und mir vor allem über Sprachbarrieren hinweg half.

Urumqi ist eine Millionenstadt mit Hochhäusern im Manhatten – Stil. Das war nach den Bergen wieder gewöhnungsbedürftig. Aber hier traf ich ja meine Freundin, die mit dem Flugzeug über Peking hierher geflogen war.

Am 29. August fahre ich weiter. Dann erwartet mich die Wüste!...

Bis dann, Michael

 

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